Nicht alles, was uns müde macht, ist zu viel
Müdigkeit wird in vielen beruflichen Zusammenhängen vor allem als Zeichen von Überlastung verstanden. Hohe Anforderungen, zu wenig Erholung oder dauerhaft erhöhter Druck gelten als typische Ursachen. Doch nicht jede Müdigkeit hat ihre Ursache darin, dass wir zu viel leisten.
In meiner Arbeit mit Menschen in Veränderungsprozessen begegnet mir dieses Muster immer wieder. Nach außen wird Verantwortung getragen, Aufgaben werden erledigt und Erwartungen werden erfüllt. Nach außen wirkt vieles stabil.
Und trotzdem entsteht innerlich eine zunehmende Schwere.
Oft liegt das nicht daran, dass Menschen nichts mehr schaffen. Sondern daran, dass sie sich mit dem, was sie tun, nicht mehr wirklich verbunden fühlen. Die Aufgaben werden weiterhin erledigt. Das Engagement ist sichtbar. Aber innerlich verändert sich etwas. Gerade verantwortungsvolle Menschen bemerken diese Veränderung häufig spät. Weil ja „eigentlich noch alles läuft“. Deshalb wird die eigene Müdigkeit oft relativiert.
„Ich darf mich eigentlich gar nicht so fühlen.“
„Andere schaffen doch auch viel.“
„Vielleicht brauche ich einfach nur Urlaub.“
Doch genau darin liegt oft die Schwierigkeit. Diese Form von Müdigkeit zeigt sich selten dramatisch. Es gibt keinen klaren Zusammenbruch und oft auch keinen akuten Handlungsdruck. Stattdessen entsteht langsam das Gefühl, innerlich nicht mehr ganz beteiligt zu sein. Wir funktionieren oft noch lange weiter — aber nicht mehr mit derselben Energie wie früher.
Gerade in Veränderungsphasen wird das oft spürbar. Rollen, Aufgaben oder Verantwortungen passen äußerlich vielleicht weiterhin. Innerlich verändert sich jedoch die Beziehung dazu. Nicht alles, was lange funktioniert hat, fühlt sich dauerhaft richtig an. Deshalb kann Müdigkeit manchmal auch ein wichtiges inneres Signal sein.
Nicht als Zeichen von Schwäche. Sondern als Hinweis darauf, dass etwas innerlich nicht mehr vollständig getragen wird.
Und genau darin kann auch etwas Wichtiges liegen: Wenn wir beginnen, solche Signale ernst zu nehmen, entsteht oft wieder mehr Verbindung zu dem, was uns wirklich wichtig ist — und was uns langfristig Kraft gibt.
Das bedeutet nicht automatisch, dass sofort etwas verändert werden muss. Aber vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn nicht alles, was uns müde macht, ist zu viel.
Manches macht uns müde, weil es innerlich nicht mehr passt.
Müdigkeit ernst zu nehmen bedeutet deshalb nicht, vorschnell alles infrage zu stellen. Sondern die eigene Wahrnehmung nicht dauerhaft zu übergehen. Und manchmal beginnt genau dort eine neue Form von Klarheit und damit auch die Möglichkeit, wieder mehr Energie für das zu entwickeln, was sich wirklich stimmig anfühlt.
Gerade in organisatorischen Veränderungen erleben Unternehmen häufig, dass Menschen ihre Aufgaben weiterhin zuverlässig erfüllen und nach außen alles zu funktionieren scheint. Umso leichter werden diese leisen Signale übersehen. Dabei entscheidet oft genau diese innere Beteiligung darüber, ob Menschen ihren Platz in der neuen Realität finden und Veränderung langfristig mittragen können.
Wenn Sie solche Veränderungen im beruflichen Kontext genauer betrachten möchten, finden Sie hier mehr zur Supervision.
Herzlichst
Ihre Petra Flachsbarth
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