Eine Beobachtung aus meiner Coachingpraxis: Über ein Missverständnis von Stärke und Verantwortung ohne Selbstüberforderung
Verantwortung wird häufig mit Belastbarkeit verwechselt. Mit Durchhalten, mit ständiger Verfügbarkeit und mit der Fähigkeit, auch unter Druck zuverlässig zu funktionieren. Besonders Menschen in tragenden Rollen gelten als stark, wenn sie viel schultern – möglichst leise und ohne sichtbare Reibung.
In der Praxis zeigt sich jedoch, dass genau hier ein Missverständnis liegt.
In einem Coaching wurde deutlich, dass Verantwortung längst nicht mehr dort lag, wo sie eigentlich hingehörte. Vieles wurde übernommen, weil es niemand sonst tat. Nicht aus Pflichtgefühl oder Angst vor Ablehnung, sondern aus Kompetenz. Dinge wurden erledigt, weil sie machbar waren. Entscheidungen getroffen, weil sie nahelagen. Verantwortung wanderte dorthin, wo jemand zuverlässig war.
Dieses Muster bleibt oft lange unauffällig. Nach außen funktioniert alles. Abläufe sind stabil, Ergebnisse stimmen, Erwartungen werden erfüllt. Und gerade deshalb wird kaum hinterfragt, wie sich diese Form von Verantwortung innerlich anfühlt.
Was dabei verloren ging, war nicht Kraft. Es war auch nicht Motivation oder Leistungsfähigkeit. Verloren ging der Selbstbezug. Das eigene Maß spielte kaum noch eine Rolle. Entscheidungen wurden nicht mehr daran orientiert, was getragen werden konnte, sondern daran, was notwendig erschien.
Erst im Gespräch wurde sichtbar, dass Verantwortung den Charakter meiner Klientin verändert hatte. Sie war nicht mehr gestaltend, sondern aufzehrend. Nicht, weil sie objektiv zu viel war, sondern weil sie innerlich nicht mehr angebunden war. Das Tragen wurde zur Gewohnheit, nicht mehr zur bewussten Wahl.
Viele Menschen bemerken diesen Punkt spät. Gerade diejenigen, die als belastbar gelten, neigen dazu, sich selbst auszublenden. Sie nehmen wahr, was gebraucht wird – aber nicht mehr, was ihnen selbst entspricht. Stärke wird dann mit Selbstvergessenheit verwechselt.
Verantwortung ohne Selbstüberforderung bedeutet nicht, weniger zu tun oder sich abzugrenzen. Es bedeutet, den inneren Bezug wiederherzustellen. Zu prüfen, wo Verantwortung bewusst übernommen wird – und wo sie unbemerkt gewachsen ist.
In Übergangsphasen wird dieser Unterschied besonders deutlich. Nicht als Konflikt, sondern als leises Unbehagen. Etwas fühlt sich nicht mehr stimmig an, ohne dass sich sofort sagen ließe, was verändert werden müsste. Genau hier beginnt ein Übergang: dort, wo jemand beginnt, das eigene Maß wieder wahrzunehmen.
Verantwortung verliert nicht an Qualität, wenn sie geteilt oder neu sortiert wird. Im Gegenteil. Sie wird tragfähiger, wenn sie nicht mehr auf Kosten des Selbstbezugs geht. Stärke zeigt sich dann nicht im Aushalten, sondern im inneren Abgleich.
Verantwortung bedeutet nicht, sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Sie bedeutet, sich selbst mitzudenken. Und genau dort entsteht oft eine neue Form von Klarheit – ruhig, unspektakulär und wirksam.
Herzlichst Ihre Petra Flachsbarth
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