Über Ehrlichkeit ohne Ausweg & die Angst, sich selbst zu enttäuschen
Angst zeigt sich nicht immer dort, wo man sie vermutet. In vielen Gesprächen geht es weniger um Versagensängste oder äußere Risiken als um etwas anderes: die Sorge, sich selbst nicht mehr ausweichen zu können. Diese Angst ist leise. Sie lässt sich schwer benennen und wird oft überdeckt von rationalen Argumenten.
In einem meiner Coachings wurde deutlich, dass nach außen alles offen schien. Die Optionen waren vielfältig, die Rahmenbedingungen stabil. Es gab keinen offensichtlichen Grund, etwas nicht auszusprechen. Und dennoch blieb etwas zurückgehalten. Nicht aus Vorsicht. Nicht aus Angst vor Konsequenzen im Außen.
Sondern weil das Aussprechen eine innere Konsequenz gehabt hätte.
Ehrlichkeit hat eine besondere Qualität. Sie verlangt nicht zwingend nach Handlung. Aber sie verändert den inneren Bezug. Wer ehrlich wird, kann nicht mehr so tun, als hätte er nichts bemerkt. Das, was einmal ausgesprochen wurde – auch wenn es nur innerlich geschieht –, lässt sich nicht mehr übergehen.
Gerade darin liegt die Schwierigkeit. Ehrlichkeit schließt Ausweichbewegungen aus, sie lässt keine Hintertür offen. Nicht im Sinne von Zwang, sondern im Sinne von Klarheit. Und diese Klarheit kann beunruhigend sein, weil sie das gewohnte innere Gleichgewicht verschiebt.
Viele Menschen fürchten nicht die Wahrheit an sich, sondern das, was sie mit sich bringt. Nicht sofortige Veränderung, sondern ein verändertes Selbstverhältnis. Wer ehrlich wird, sieht sich selbst anders. Erwartungen, Rollen und innere Erzählungen geraten in Bewegung – ohne dass schon etwas entschieden wäre.
In der beschriebenen Situation zeigte sich, dass die Klientin diese Angst nicht überwinden musste. Sie war ein Hinweis. Ein Zeichen dafür, dass etwas Wesentliches berührt war. Nicht als Aufforderung, sofort zu handeln, sondern als Einladung, genauer hinzusehen.
Manche Übergänge beginnen genau hier. Nicht mit Mut und nicht mit Entscheidung. Sondern mit dem Moment, in dem jemand bereit ist, sich selbst nicht länger zu beschönigen. Ehrlichkeit wird dann nicht zur Lösung, sondern zum Wendepunkt.
Diese Form von Ehrlichkeit ist anspruchsvoll, weil sie keinen Ausweg anbietet. Sie verspricht keine Erleichterung und kein Ergebnis. Sie verändert lediglich den inneren Standpunkt. Und genau darin liegt ihre Kraft.
Sich selbst nicht zu enttäuschen bedeutet in solchen Momenten nicht, Erwartungen zu erfüllen. Es bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen. Auch dann, wenn noch offen ist, was daraus folgt.
Herzlichst Ihre Petra Flachsbarth
popUp yourself!