Über Zögern als Form von Klarheit

 

Entscheidungen werden häufig als etwas Aktives verstanden. Als etwas, das man vorbereitet, abwägt und schließlich trifft. Wer zögert, so die gängige Vorstellung, weiß noch nicht genug oder scheut Verantwortung. Diese Sicht ist verbreitet und greift oft zu kurz!

Nicht jede Entscheidung lässt sich herbeiführen und nicht jedes Zögern bedeutet Unklarheit.

In dem Gespräch, um das es hier geht, war eigentlich alles vorhanden. Die Möglichkeiten lagen offen, die Argumente waren bekannt, auch die Konsequenzen waren absehbar. Es gab keinen äußeren Zeitdruck, keine Frist, keinen Zwang.

Und trotzdem ging es nicht weiter.

Wir kamen immer wieder an denselben Punkt zurück. Nicht, weil etwas fehlte. Sondern weil nichts trug. Es war kein Zweifel und keine Angst vor den Folgen, eher ein inneres Stocken. Ein Nicht-Mitgehen, das sich nicht erklären ließ.

Zunächst wirkte dieses Stocken irritierend. Fast wie ein Fehler. Etwas, das überwunden werden müsste. Warum wurde es nicht klar, obwohl doch alles bedacht war? Warum zeigte sich kein nächster Schritt?

Das Zögern der Klientin passte nicht ins Bild. Gerade weil es sich rational nicht begründen ließ.

Erst als wir aufhörten, es als Hindernis zu betrachten, veränderte sich etwas. Das Zögern war nicht leer. Es war kein Mangel an Orientierung. Es war das Ausbleiben von innerer Zustimmung. Kein klares Nein – eher ein feines Signal: So fügt es sich noch nicht.

Viele Menschen haben gelernt, solche Signale zu übergehen. Besonders dann, wenn sie gewohnt sind, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen. Zögern gilt dann schnell als Schwäche oder Unentschlossenheit.

Doch nicht jede Entscheidung entsteht durch Abwägen.

Manche entstehen dort, wo etwas innerlich nicht mitgeht. Still. Ohne Argumente. Das Zögern verweist dann nicht auf fehlende Klarheit, sondern auf eine Klarheit, die sich noch nicht aussprechen lässt.

Gerade in Übergangsphasen ist dieses Erleben häufig. Das Alte trägt nicht mehr vollständig, das Neue ist noch nicht greifbar. Entscheidungen wirken zu früh oder zu endgültig. Wer in dieser Phase Klarheit erzwingen will, spürt oft inneren Widerstand.

Zögern kann hier eine Form von Orientierung sein. Nicht als Zustand, in dem man bleibt, sondern als Zwischenraum als „Dazwischen“. Es zeigt an, dass etwas Zeit braucht, um sich innerlich zu ordnen.

In der beschriebenen Situation wurde deutlich, dass es nicht darum ging, das Zögern zu überwinden. Es ging darum, ihm einen Platz zu geben. Nicht als Hindernis, sondern als Hinweis darauf, dass die Entscheidung innerlich noch nicht reif war.

Manche Entscheidungen entstehen mit der Zeit, wenn das Zögern seinen Platz bekommen hat.

Herzlichst Ihre Petra Flachsbarth
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