Frühling ohne Aufbruchsdruck – über einen Neubeginn jenseits von Energie (Entlastung)

 

Neubeginn wird häufig Motivation, Tatkraft und dem Gefühl, etwas in Bewegung bringen zu müssen verbunden. Besonders im Frühjahr verstärkt sich diese Erwartung. Die Tage werden heller, die Natur zeigt Wachstum – und schnell entsteht der Eindruck, dass auch innerlich etwas starten sollte, dass auch wir wachsen sollten.

In Gesprächen zeigt sich jedoch oft ein anderes Erleben. Nach Phasen hoher Belastung, intensiver Verantwortung oder innerer Übergänge entsteht nicht automatisch Lust auf Neues. Statt Energie zeigt sich zunächst etwas anderes: Erleichterung. Der Druck lässt nach. Das innere Antreiben wird leiser. Nicht als Ergebnis einer Entscheidung, sondern als natürliche Reaktion.

Diese Form des Neubeginns wirkt unspektakulär. Sie lässt sich schwer benennen, weil sie nichts fordert. Es gibt kein Ziel, keinen Plan, keinen sichtbaren Aufbruch. Und gerade deshalb wird sie häufig übersehen oder vorschnell als Stillstand interpretiert.

Im Coaching wurde deutlich, dass genau diese Phase irritierte. Nach außen war nichts blockiert. Im Gegenteil: Möglichkeiten wären da gewesen. Und dennoch entstand kein Impuls, etwas Neues zu beginnen. Stattdessen zeigte sich eine ungewohnte Ruhe. Nicht leer, nicht passiv – eher entlastet.

Diese Erleichterung wurde zunächst durch meine Klientin infrage gestellt. Ob nicht mehr kommen müsste. Ob das nicht zu wenig sei. Ob man diese Phase nicht nutzen sollte, um endlich etwas anzustoßen. Erst im Gespräch wurde sichtbar, dass hier kein Mangel vorlag, sondern eine Verschiebung. Etwas wurde nicht mehr gegen inneren Widerstand durchgesetzt.

Frühling ohne Aufbruchsdruck bedeutet nicht, dass nichts entsteht. Es bedeutet, dass sich das Entstehen verändert. Der Fokus liegt nicht auf Vorwärtsbewegung, sondern auf innerer Stimmigkeit. Das, was bleibt, fühlt sich weniger schwer an. Das, was nicht mehr passt, verliert an Zugkraft – ohne aktiv verabschiedet zu werden.

Gerade nach intensiven Phasen ist diese Art von Neubeginn bedeutsam. Sie markiert keinen Neustart, sondern einen Übergang in einen anderen inneren Rhythmus. Energie wird nicht erzeugt, sondern geschont. Erwartungen werden nicht erhöht, sondern zurückgenommen.

Diese Phase widerspricht gängigen Bildern von Entwicklung. Sie lässt sich schlecht erklären, weil sie kein sichtbares Ergebnis liefert. Und doch ist sie oft Voraussetzung für alles Weitere. Wer sich erlaubt, diesen Frühling ohne Aufbruchsdruck zuzulassen, schafft Raum. Nicht für Aktion, sondern für Ausrichtung.

Nicht jeder Neubeginn beginnt mit Energie. Manche beginnen dort, wo jemand aufhört, sich anzutreiben. Wo es erlaubt wird, erst einmal bei dem zu bleiben, was sich leichter anfühlt – ohne es gleich nutzen zu müssen.

Manchmal ist genau das der ehrlichste Beginn von etwas Neuem.

Herzlichst Ihre Petra Flachsbarth
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